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Richard und Erika Arlt - Zwei Leben für die DDR

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Tröbitz Jüdischer VVN
Kurzbiographien der Opfer in alphab. Reihenfolge: Name, Vorname, Alter. Zum Ansehen bitte anklicken

Kurzbiographien - Opfer d. Verlorenen Transports


 
  • Name:   Weyl, Fritz
    • Staatsangehörigkeit: Deutsch (Paraguaypapiere)
    • geb.: 28.10.1887 (Elberfeld),
      als Sohn von
      Albert Weyl, geb. 14.4.1847 (Haltern); gest. 19.3.1926 (Elberfeld)
      Hermine Jacobs, geb. 15.7.1856 (Kleve); gest. 31.12.1939 (Elberfeld)
      gest.: 25.5.1945 (Tröbitz, bestattet: Reihe 2, Grab 27, heute ohne Grabstelle)


    • Familie:
    • -verheiratet am 29.4.1921 mit Gertrud Henriette Goldberg, geb. 17.3.1897 (Bochum)- gest. 28.6.1993 in Vlaardingen
      - Kinder: Peter Otto Ludwig Weyl, geb. 16.7.1922; gest. 19.1.1955 (Leiden), verh. mit Chriemhilde Oosterwal
      Berta Marianne Weyl, geb. 2.4.1929 in Elberfeld); gest. 28.8.2004 (Vlaardingen), Lebenspartnerin v. Dick Kouw.


  • Beruf:
    • Betriebsleiter, Kaufmann

  • Leben:
    • - 28.10.1887 geboren in Elberfeld bei Wuppertal, einem Zentrum der deutschen Industrialisierung. Elberfeld war 1920 Ausgangspunkt des Ruhraufstands gegen den Kapp-Putsch, aber nach der Niederschlagung dieses Aufstandes wurde es mehr und mehr Hochburg der NSDAP, die dort gezielt in der Arbeiterschaft agitierte. Bis zur Brandlegung an allen jüdischen Gebäuden der Stadt am 10.11.1938 (‚Kristallnacht’) nahm die antijüdische und antikommunistische Verfolgung ständig zu.
      - 1908 nimmt er eine Arbeit beim Kaufhaus Tiez in Anvers (Belgien) an, wo sein Bruder Paul schon seit drei Jahren beschäftigt war.
      - 1925 wird er Prokurist in der Elberfelder Isolierband-Fabrik Dr. Herzberg & Weyl, in der sein Bruder Paul Teilhaber ist.

    • Fritz Weyl wohnt in der Herzogstr. 25, sein Bruder mit seinen Eltern Albert und Hermine in der Bleichstr. 7, unweit des Theaters.
      - 1927 wird Fritz Weyl neben seinem Bruder Paul zum Teilhaber der Isolierbandfabrik in der Bandstraße 22.

      Dose Isolierband
      Vielleicht das einzige vorhandene Lebenszeugnis von Fritz Weyl ist diese Dose aus seiner Isolierbandfabrik

      - 1934 war sein Sohn Peter aus der Schule verschwunden, Horst Tappert erinnert sich: „Eines Tages fehlte Peter in der Schule. Keiner konnte mir sagen, warum. Ich ging zum Haus der Familie. Da wohnten schon fremde Leute. Ich ging zur Fabrik, aber die Tore waren mit dicken Ketten und Vorhängeschlössern gesichert. Zu der Zeit, es war 1934, war ich nicht mehr ganz ahnungslos. Bei den Tischgesprächen zu Hause hatte ich herausgehört, Hitler würde den Juden Schwierigkeiten machen. So umschrieb man das. Ich wußte, daß Peter für immer fort war.”

    • - 1938 ist Fritz Weyl noch im Wuppertaler Adressbuch als Geschäftsinhaber registriert, wohnhaft in der Adolf Hitler Straße 82/83. Sein Bruder Paul als „Vertreter“, Aue 104. 1939 zeigt das Adressbuch dann folgenden Eintrag:

      Adressbuch Elberfeld

      Fritz Weyl wird hier als Fritz Israel Weyl, ohne Beruf aufgeführt, wohnhaft in der Straße der SA 82., Sein Bruder Paul als Paul Israel, ohne Beruf, Aue 104 Ihre Firma hatten Ihnen die Nazis offenbar komplett weggenommen. - 1938 emigriert Fritz Weyl mit seiner Familie nach Vlaardingen in den Niederlanden. Dort ist Fritz Weyl unter dem Dach der Dirk de Lange im Parkweg 84 am Aufbau einer neuen Isolierbandfabrik beteiligt (Delva’, Nederlandsche Fabriek van Isolatieband Firma D. de Lange Dzn., Stationsstraat 7).

    • - 17.1.1939 Fritz Weyl erhält eine befristete Aufenthaltsgenehmigung in Vlaardingen. - Juli 1947 Sohn Peter besteht die Zugangsprüfung füe die technische Hochschule. - 9.10.1940 Die Weyls ziehen in den Ferienort Bennekom, (Dikkenbergweg 1) , in ein dort gelegenes Ferienhäuschen. Die 11 jährige Berta Marianne Weyl geht dort zur Schule. - als sie unter deutscher Besatzung vor die Wahl gestellt werden, unterzutauchen oder sich als Juden registrieren zu lassen, entscheiden sie sich, obwohl ihnen die Bennekomer Familie Schoorl-Borst ihre Hilfe angeboten hatte, für die Registrierung. Möglicherweise war der Umstand für ihre Entscheidung ausschlaggebend, dass die Weyls die Staatsbürgerschaft für Paraguay besaßen. Sie werden daher als Juden aktenkundig und am 3.-5.10.1942 in Westerbork eingewiesen.

    • Anna Schoor-Borst schickt ein Lebensmittelpaket nach Westerbork und besucht Berta-Marianne (die an Dyphterie erkrankt war) im Krankenhaus in Groningen. Sie verhalf einigen untergetauchten Juden, sich zu verstecken und wurde später in die Liste der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem aufgenommen. - 15.2.1944 Westerbork -> Bergen-Belsen „Sternlager“. - am 10.4.1945 mit 2500 anderen Gefangenen im Verlorenen Transport mit dem Ziel Theresienstadt. - Die Familie wird am 23.4.1945 in Tröbitz von der Roten Armee befreit. - Fritz Weyl stirbt am 25.5.1945 im Lazarett an Fleckfieber und wird auf dem Jüdischen Friedhof in Tröbitz begraben. Sein Grab befand sich zunächst in Reihe 2, Grab 27 zwischen dem Grab von Sara Haalman-Guttfried und dem von Werner Joseph Levie. Sein Leichnam war der einzige von den drei dort Bestatteten, der nicht exhumiert wurde. Offenbar vergaß man, seine Grabstelle im Zuge der Neuorganisation des Jüdischen Friedhofs um 1964 wieder einzurichten. Erika Arlt bemerkte den Fehler 1989 und veranlasste, dass der Name Fritz Weyls zusammen mit 16 weiteren auf der Namenstafel der auf dem jüdischen Friedhof ohne bestimmte Grabstelle bestatteten Opfer genannt wurde. Seine Frau Gertrud und sein Sohn Peter und auch seine Tochter Berta Marianne überleben und wohnen später in den Niederlanden. Sie erhalten am 9.12.1952 die niederländische Staatsbürgerschaft. Peter hatte ein Jahr zuvor sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen.

  • Quellen:
    • - zahlreiche entscheidende Angaben sind Emiel van Wezel aus den Niederlanden zu verdanken. Dank seinen unermüdlichen Recherchen konnte die Lebensgeschichte der Weyls rekonstruiert werden.
      - https://spurenimvest.de/2021/03/11/weyl-fritz/ (mit zahlreichen Quellenangaben)
      - Tappert, Horst, Derrick und ich. Meine zwei Leben Heyne, München 1998, Tappert, der als Kommisar Derreck bekannt wurde, berichtet über seine gemeinsame Schulzeit mit Peter Weyl