Gegen das Vergessen - gegen den Krieg: 85. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, Gedenkveranstaltung
20.6.2026
Vortrag von Jens Nagel, Leiter Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain. Die Kriegsgefangenenlager Zeithain und Mühlberg - verdrängte Tatorte von Verbrechen der Wehrmacht in Deutschland.
Der Referent Jens Nagel ist als Historiker durch seine langjährige Beschäftigung mit den Schicksalen der überwiegend sowjetischen Kriegsgefangenen, die in den Kriegsgräbern in Zeithain liegen, ein ausgewiesener Kenner dieses Menschheitsverbrechens und seiner Folgen.
Er lenkte zunächst die Aufmerksamkeit auf die großen Unterschiede bei der Behandlung der Kriegsgefangenen in den deutschen Gefangenenlagern. Nicht das Völkerrecht, sondern rassistische und politische Kriterien entschieden über die Stellung der verschiedenen nationalen Gruppen innerhalb der Gefangenenhierarchie und den Behandlungsrichtlinien, die das Oberkommando der Wehrmacht erliess.
Die sowjetischen Kriegsgefangenen standen bis Kriegsende auf der untersten, die angloamerikanischen auf der obersten Ebene dieser Hierarchie. Während annähernd 60 Prozent der mehr als 3 Millionen in Kriegsgefangenschaft geratenen Rotarmisten diese nicht überlebten, lag die Sterberate bei den amerikanischen Gefangenen bei 1,2 und bei den britischen bei 3,5 Prozent. Die Soldaten der Roten Armee waren für Wehrmacht, SS und Polizei nach der Gefangennahme „Keine Kameraden“, wie es Christian Streit in seinem 1978 erschienen Standardwerk (Ch.Streit: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945) über die sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg formulierte. Die Folge war, dass mit Ausnahme der Juden keine andere Bevölkerungsgruppe in den besetzten Gebieten der Sowjetunion so stark von physischer Vernichtung in den ersten 12 Monaten des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion bedroht war, wie die sowjetischen Kriegsgefangenen. Ihr Massensterben in den besetzten Gebieten und im Deutschen Reich in den Grenzen von 1941 war das größte Kriegsverbrechen, dessen sich die Wehrmacht im Verlauf des Zweiten Weltkrieges schuldig gemacht hat. Leider ist es auch das am längsten vergessene.
Eine wesentliche Ursache für dieses Vergessen sieht Nagel in der Abwertung der Kriegsgefangenen während der Regierungszeit Stalins, die - in abgeschwächter Form - auch in der DDR umgesetzt wurde. Anders als die Friedhöfe von sowjetischen Gefallenen, die in hohen Ehren gehalten und für Veranstaltungen genutzt wurden, lag auf den Kriegsgefangenen der Makel, nicht aufopferungsbereit genug gewesen zu sein - daher galten sie nicht als Helden.
Die geringe Aufmerksamkeit, die den sowjetischen Ehrenmalen in der deutschen Öffentlichkeit zukommt, muss jedoch andere Gründe haben. Möglicherweise wirkt in der heutigen Einstellung zu Russland von Deutschen eine unheilvolle Tradition nach, die sich vom ersten Weltkrieg, als die deutsche Reichswehr die ganze Ukraine besetzt hielt, bis zum späteren Hitlerfaschismus hinzieht. Schon die Offiziere der Reichswehr im Kaiserreich sprachen voller Verachtung über die bäuerliche Bevölkerung in der Ukraine. Von Hitler ist bekannt, dass er die russische Bevölkerung zu Sklaven seiner germanischen Herrenmenschen machen wollte.
Anders als die ermordeten Juden scheint man das Schicksal der ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen sogar als "normale" Begleiterscheinung des Krieges zu sehen. Dabei waren Kriegsgefangene nach Kriegsrecht (Hager Landkriegsordnung) zu ernähren, unterzubringen und medizinisch zu versorgen - eine Bestimmung die man in deutschen Kriegsgefangenenlagern nur dann nicht anwendete, wenn es sich um sowjetische Kriegsgefangene handelte.
Nagel berichtete von den menschenunwürdigen Zuständen in Zeithain, zeigte einen Kurzfilm über den Besuch von Goebbels im dortigen Kriegsgefangenenlager, wo dieser sich darüber mokiert, dass entflohene Gefangene am leben waren und nicht sofort exekutiert wurden.
Zum Ende des Krieges waren im Kriegsgefangenenlager Zeithain 25 - 30.000 fast ausschließlich sowjetische Kriegsgefangene umgebracht worden.
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